Indoor Skydiving

Freefly Indoor-Skydiving


Freefly im Windtunnel, Was bringt es oder wie anspruchsvoll ist diese Disziplin wirklich?


Wer schon einmal in einem freefly-tauglichen Windtunnel war, wird es wohl so oder so ähnlich erlebt haben:


Die Uhr zählt runter gegen „0“. Die Bauchflieger verlassen den Tunnel mit einem gekonnten „double grip-stand-up“ in der Tunneltür. Der „Driver“ schiebt den Hebel auf Vollgas. Der bis dahin sanft vor sich hin säuselnde Tunnel fängt nun, inklusive seiner gesamten Konstruktion, zu brüllen und vibrieren an. Der Stromverbrauch steigt auf das Doppelte. Das Stahlnetz am Boden ächzt unter dem enormen Winddruck und wölbt sich nach oben.

Es ist angerichtet.

Ein, Zwei oder mehrere Freeflyer betreten, nein schrauben sich gekonnt in den Ring. Carven, eageln oder wirbeln irgendwie durch den Tunnel bis auch hier der „Exit Blitz“ das Ende der meist 2 Minuten Sessions einleitet und sich alles wieder, manchmal unter Beifall der an der Scheibe klebenden Wufos (Nichtspringer/Flieger), in ein leichtes Säuseln zurück verwandelt.

Dass das Ganze nicht so einfach ist, wird einem spätestens jetzt bewusst, wenn man einmal direkt daneben gestanden hat. Wie schwer es jedoch wirklich ist, kann man auch in diesem Moment nur erahnen.

Der Lernprozess im Tunnel verfolgt ein immer gleiches Schema, dem sich Anfänger, wie auch erfahrene Freeflyer gleichermaßen ergeben müssen, damit die Sache sicher bleibt und man nicht für die nächste Session Putztücher an Arme und Beine montiert bekommt, um die allabendliche Reinigung der Panzerglasscheiben schon einmal vorweg zu nehmen oder gar bei Übereifer von selbigen gekratzt zu werden.

Das Ziel der ersten Freeflystunde ist es, sauber und kontrolliert auf dem Punkt zu sitzen und ein Gefühl für Ursache/Wirkungszusammenhänge zu bekommen.

Angefangen wird aber erst einmal auf dem Bauch, da dies die langsamste und am einfachsten zu kontrollierende Körperhaltung ist. Schon hier wird schnell klar, wie sensibel der Tunnel ist und dass es gar nicht so einfach ist, einmal wirklich auf dem Punkt zu fallen.

Hat man gezeigt, dass man kontrolliert drehen und leveln kann, was bäuchlings meist nach 2 Minuten erledigt ist, kann man mit dem Rückenfliegen weitermachen.

Rückenfliegen deshalb, weil es eine wichtige Recover-Position ist, wenn man im Sitzen unstabil oder unkontrolliert wird und weil es schon eine Annäherung an die Sitzposition ist.

Spätestens hier wird auch erfahrenen Freelyern durch ständige, sanfte Wandberührungen bewusst (Ähnlichkeiten zum Pingpong Spiel lassen sich da nicht wegdiskutieren), dass die „ehrliche Senkrechte“, die man aus dem Freifall zu kennen glaubte, gar nicht so ehrlich ist. Wenn nun auch noch der Coach durch Mimik und Handzeichen zu verstehen gibt, dass er das gezeigte hin und her Geeier gutheißt und man auf dem richtigen Weg sei, fühlt man sich schnell verar….! Dem ist natürlich nicht so….

Da man durch Coach und Tunnelwand ein direktes Feedback auf ausgeführte Bewegungen erfährt, stellt sich der Lernfortschritt recht zügig ein.

Hat man es dann geschafft, kontrolliert auf dem Rücken in der Mitte des Tunnels zu schweben, geht es ans Sitzen.

Angefangen wird dabei mit dem Erlernen der Sitzposition,  mit den Füßen auf dem Netz, bei noch moderater Windgeschwindigkeit. Dies hat den Vorteil, dass man Haltungs- und Bewegungstechniken ausprobieren kann, ohne gleich Bekanntschaft mit der Panzerglasscheibe zu machen.

Des Weiteren kann jetzt endlich der Coach all seine Aggressionen am Schüler auslassen, indem er versucht, ihn durch massive Stöße unstabil zu machen und auf den Rücken zu werfen.

Positiver Nebeneffekt für den Lernenden ist, durch gezielte Ausgleichsbewegungen eine immer stabilere Sitzposition zu erlangen, um dann bei zunehmender Windgeschwindigkeit den sicheren „lift-off“ vom Netz zu erreichen.

Ist der dann geschafft, folgen recht zügig Drehungen, Vorwärts- und Rückwärtsfahrt, Slippen, Griffe, Carven und Under-Over´s, die Eagles des Sitzfliegens.

Ein bisschen Zeit bedarf es dann allerdings noch, bis man sich ans Headdown fliegen wagen sollte.

Der Nutzen des Tunnels für den Freifall liegt im Wesentlichen darin, dass  man schnell lernt, wirklich auf dem Punkt zu fallen, für all seine Haltungsänderungen ein sofortiges Feedback bekommt und deshalb Techniken und deren Wirkungen viel effizienter trainieren kann, als im Freifall. Die Frage „was passiert eigentlich, wenn ich dies oder das mache?“ klärt unmissverständlich dein Freund, die Tunnelwand. Der Coach ist ständig direkt dabei und kann so Hilfestellungen wie beim Bodenturnen geben, was dazu führt, dass man alle Moves, Flipps und Transitions von vorn herein sauber und auf der Stelle geflogen, erlernt.

Die Geschwindigkeitsrange erweitert sich in Richtung Langsamfliegen, da man nun endlich einmal direkt sieht, welche Körperpositionen wirklich die Fallrate verringern. Dies ist besonders wichtig für spätere dreidimensionale Freifall Moves, die sich mit langsamerer Fallrate viel leichter „fliegen“ lassen und nicht mehr „gerissen“ werden müssen. Des Weiteren ist nun endlich einmal die Flugzeit genauso lang wie bei Bauchfliegern.

Um das Erlernte dann im Freifall umsetzen zu können, bedarf es noch einiger Sprünge, da man anfangs zu sehr an seinen alten Gepflogenheiten und den einmal ins Muskelgedächtnis gebrannten Haltungen festhalten will.

Wer sich schon etwas länger dem Freefly verschrieben hat, weiß wie mühsam und langwierig der Erfolg in unserer Disziplin ist. Das hängt zusammen mit der artistischen Komponente, den von Grund auf unstabilen Freifallpositionen und der enormen Geschwindigkeit, also dem starken Winddruck, der jede kleine Körperveränderung erbarmungslos in Drift umsetzt.

So war es in den letzten Jahren zu beobachten, dass mit einigen Ausnahmen, der Leistungslevel im Freefly an unseren Sprungplätzen nur sehr langsam anstieg.

Hier bringt der Tunnel uns Freeflyern nun die Möglichkeit, in kurzer Zeit Techniken und Luftgefühl zu erlernen, um mit anderen Springern Formationen und andere dreidimensionale Moves zu fliegen, für die man als „Otto Normalspringer“ sonst viele Jahre brauchen würde.

Text: Michael Plünnecke

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